Architekten-Interview: Individuelle Adressierung

Interview: Auf dem Branchenportal „German-Architects“ stellt sich Architekt Christoph Richter (r.) vom Büro Richter Musikowski den Fragen zum Wettbewerb.

Norderstedt will ein gemeinsames Bildungshaus für Stadtbücherei, Volkshochschule und Stadtarchiv im Ortsteil Garstedt bauen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Das Wettbewerbsgebiet stellt sich als äußerst heterogene Mischung, sowohl hinsichtlich funktionaler Kriterien als auch aus ästhetischer Sicht, dar.
Hier trifft die größte Shoppingmall der Region auf alte historische Dorfstrukturen, 1970er-Jahre-Waschbeton auf norddeutschen Ziegel, stadträumlich bedeutsame Naturräume auf großflächig versiegelte Parkflächen. Parkbesucher treffen auf Menschen, die nur zum Einkaufen gekommen sind.

Norderstedt ist eine erst 1970 durch Zusammenlegung der vier Gemeinden Garstedt, Friedrichsgabe, Harksheide und Glashütte entstandene Stadt am nördlichen Rand Hamburgs. Die kleinteiligen historischen Gemeindestrukturen wurden 1970 -1990 durch große Stadtentwicklungsprojekte ergänzt, um aus dem losen Dorfverbund eine Stadt mit eigener Identität entstehen zu lassen.
Der durch diese Geschichte geprägte Ort macht die angedachte Bebauung zu einem äußerst anspruchsvollen Vorhaben, denn ihr kommt die Aufgabe zu, durch das Verbinden der vielen losen räumlichen und sozialen Enden, den Startschuss für eine positive Entwicklung dieses Stadtteils zu geben.

Wie kommen Sie zum Baukörper?

Wir wollen aus dem Zusammenspiel des Bauplatzes und dem angrenzenden Willy-Brandt-Park eine grüne Kultur-Landschaft entwickeln, in deren Zentrum das Bildungshaus steht. Der Neubau wird innerhalb des Grünzuges einen prägnanten lebendigen Treffpunkt markieren, der von der zentralen Anbindung an die Verkehrswege und einer vielschichtigen Nachbarschaft profitiert. Um zwischen den kontrastreichen Stadtquartieren vermitteln zu können, entsteht der Baukörper aus drei kleineren Volumen, die jeden Nachbarn auf individuelle Art adressiert.

Er platziert sich zwischen den vorhandenen Baumkronen. Die so entstehenden abgewinkelten Fassaden bieten zusammen mit den überdachten Vorbereichen geschützte Aufenthaltsorte mit menschlichen Proportionen. Das Zusammenspiel von Architektur und Freiraumgestaltung führt den Besucher intuitiv zu den drei Haupteingängen des Bildungshauses. Durch die Verbindung der Wege im Erdgeschoss entsteht ein kommunikatives, transparentes Forum mit vielfältigen Einblicken und niederschwelligen Zugangsmöglichkeiten in das Gebäude. Sorgsam platzierte Fenster in den Obergeschossen bereichern die Innenräume mit Tageslicht und bieten großformatige Ausblicke in Park- und Stadtlandschaft.

Wie organisieren Sie das Bildungshaus?

Das Gebäudeinnere versteht sich als anregende Bildungslandschaft, in der frei zwischen den Angeboten gewählt und individuelle Orte entdeckt werden können. An zentraler Stelle befindet sich die Bildungstreppe – ein offenes breites Treppenensemble mit Oberlichtern, Sitz- und Laufbereichen, das alle Etagen und das Dach sichtbar miteinander verbindet und zum Erkunden und Verweilen einlädt. Zahlreiche Sitzstufen entlang der Bildungstreppe dienen sowohl als Lese- und Wartezonen als auch für individuelle Unterrichts- und Veranstaltungszwecke. Zwei aussteifende Treppenhauskerne übernehmen die barrierefreie Erschließung, die sichere Entfluchtung sowie die vertikale Verteilung der Haus- und Medientechnik.
Zwei zentral gelegene Aufzüge gewährleisten, dass alle Ebenen durchgängig barrierefrei erreicht werden können.

Bestehende Freiluftangebote gehen nicht verloren, sondern werden auf das Dach des Neubaus transloziert. Wie ein Amphitheater bilden die einander zugewandten Dachschrägen mit ihren Treppen, Rampen, Sitzflächen, Tischen, Grünbereichen, Energiefeldern und Oberlichtern eine vielfältig nutzbare öffentliche Dachlandschaft mit einzigartigem Ausblick über Garstedt.

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Die gewählte Split-Level-Bauweise ermöglicht im Gegensatz zu herkömmlichen Geschossanordnung außergewöhnliche Blickbeziehungen und kurze Treppenwege. Die einzelnen Ebenen verbinden sich zu einer topographischen Bildungslandschaft und laden zum Erkunden und Entdecken ein. Im Erd- und Dachgeschoss ermöglichen die Split-Level-Bauweise abgestufte Raumhöhen für unterschiedliche Nutzungszonen.

Vielen Dank an „german-architects“. Das Original-Interview finden Sie hier:
https://www.german-architects.com/de/architecture-news/podest/individuelle-adressierung-1