Interview: Design Thinking – Mit Methode zum Interieur

Interview: Julia Bergmann erklärt, mit welcher innovativen Methode sich die Mitarbeiter/-innen des zukünftigen Bildungshauses ein Innenraumkonzept erarbeiten.

Das Bildungshaus Norderstedt soll sich in Einrichtung und Programmierung nach den Bedürfnissen der Norderstedter Bürger/-innen richten. Doch was haben sie für Vorstellungen? Und in welcher Atmosphäre möchten sie sich zukünftig bilden? Um dies herauszufinden, wenden die Mitarbeiter/-innen der drei beteiligten Einrichtungen Stadtbücherei, Volkshochschule und Stadtarchiv seit 2018 die Methode „Design Thinking“ an. Mit der Prozessbegleitung und Beratung ist Bibliotheksconsultant Julia Bergmann beauftragt. Was die Methode ausmacht und was in den Monaten des „Design Thinking“-Prozesses bisher schon erarbeitet wurde, erzählt sie im folgenden Interview:

Frau Bergmann, vor einem Jahr haben Sie zusammen mit den Mitarbeitern der VHS, der Stadtbücherei und des Stadtarchivs in Norderstedt den Prozess des „Design Thinkings“ gestartet. Können Sie die Methode kurz erläutern?

Design Thinking ist ein methodischer Ansatz zur Organisation und Strukturierung von Innovationsprozessen in Organisationen. Design Thinking formuliert und löst Probleme oder Herausforderungen aus Sicht der Kunden und arbeitet dabei mit interdisziplinären Teams, die auf Basis der Kundenbedürfnisse Lösungen entwickeln. So wird verhindert, dass Lösungen „am grünen Tisch“ gesucht werden und am Ende an den Bedürfnissen der Kunden vorbeigeplant wird. Design Thinking erlaubt einer Organisation immer wieder einen frischen Blick „von außen“ auf die eigenen Dienstleistungen. Die durch das Design Thinking eingeübten neuen Muster der Ideenentwicklung können die Kompetenzen einer Einrichtung nachhaltig stärken.

Welche Erfahrungen haben Sie schon mit der Methode gemacht?

Durch das systematische Betrachten der Kundenbedürfnisse als Grundlage der Ideenentwicklung entsteht eine neue Form des Kundendialogs. Dieser führt häufig zu verstärkter Identifikation der Kunden mit Ihrer Einrichtung und unterstützt damit auch ihre Partizipation zum Beispiel bei Projekten oder durch informelle Wissensvermittlung zwischen den Kundengruppen.

Welche Ergebnisse verspricht man sich in Norderstedt von dem Prozess?

Das Bildungshaus Garstedt hat das Ziel, ein inspirierender und einladender Ort für die Bürgerinnen und Bürger in Garstedt und Norderstedt zu sein. Dazu wachsen an diesem Ort Bücherei, VHS und Stadtarchiv zu einer Einheit, einem gemeinsamen Bildungshaus, zusammen. Um diese Ziele zu erreichen, bietet die Methode Design Thinking durch ihren kundenorientierten und interdisziplinären Ansatz beste Voraussetzungen. Um die gemeinsame Vision zu entwickeln, auszuarbeiten und zu stärken, haben wir Anfang 2018 begonnen, in unterschiedlichen Teams in den intensiven Dialog miteinander und mit den Bürgerinnen und Bürgern zu treten, und werden dies fortführen – nicht nur bis zur Eröffnung des Bildungshauses, sondern als grundsätzliche Haltung für die anhaltende Entwicklung des Bildungshauses.

Können Sie Beispiele nennen, welche Fragen es zu erörtern gab?

Im Design Thinking haben wir uns zum Beispiel mit dem Thema des „informellen Lernens“ beschäftigt und dort besonders mit den Bedürfnissen Berufstätiger. Eine weitere Fragestellung war, wie wir Informationen und Wissen sichtbar und erfahrbar machen können. Parallel dazu hat sich auch eine Arbeitsgruppe mit dem Thema Lernformen und Lerntypen beschäftigt. Weitere Arbeitsgruppen haben sich mit der Willkommenskultur des neuen Hauses, mit der lokalen Verankerung des Bildungshauses in Garstedt, mit besonderen Veranstaltungsformen und Aktivitäten im neuen Bildungshaus und mit den Anforderungen von Kindern und Jugendlichen beschäftigt.

War es einfach, einen Konsens in den Arbeitsgruppen zu finden, die ja jeweils aus Mitarbeitern der unterschiedlichen Einrichtungen bestanden?

Dadurch, dass zwei der drei beteiligten Institutionen schon als Bildungswerke eng zusammengearbeitet haben und auch alle Arbeitsgruppen immer interdisziplinär mit Kolleginnen und Kollegen aus allen drei Einrichtungen besetzt waren, sind gemeinsame Ideen gewachsen und eine gemeinsame Vision für das Haus. Dies war eine sehr gute Grundlage für die gemeinsamen Entscheidungen, die in so einem Prozess getroffen werden müssen.

Die Design-Thinking-Arbeitsgruppen haben Prototypen erarbeitet, die vergangenes Jahr im Rahmen einer Bürgerbeteiligung den Norderstedter Bürger/-innen vorgestellt wurden. Was waren das für Prototypen?

Mit einfachen Mitteln werden die Ergebnisse anhand von gebastelten Prototypen erfahrbar gemacht. Einer unserer Prototypen hat sich mit einer lernfördernden und einladenden Atmosphäre im Haus beschäftigt. Bei unseren Befragungen wurde häufig der Blick in die Natur oder die Nähe zur Natur als angenehm und konzentrationsfördernd beschrieben. In unserem Modell aus Pappe und zwei Tablets haben wir veranschaulicht, wie es wäre, durch Projektion Flächen im Inneren des Gebäudes mit Naturanimationen zu versehen. Dies kam bei den Kunden sehr gut an. Der zweite Prototyp hat sich mit der lokalen Verankerung und dem Sichtbarmachen und Erfahrbarmachen lokaler Informationen beschäftigt. Auf einer virtuellen Landkarte (bei uns war sie noch aus Papier) konnte man sich Norderstedt zu verschiedenen Zeiten in der Geschichte ansehen oder mit Häusern, Bäumen, Autos etc. selbst Stadtentwicklung auf dem Plan betreiben. Auch ein Quiz und eine Rallye wurden vorgestellt. Besonders die virtuelle Karte hat zu vielen Gesprächen unter den Besuchern eingeladen und war somit ein großer Erfolg.

Können Sie die wichtigsten bisherigen Erkenntnisse des Prozesses nennen?

Die Menschen in Garstedt wünschen sich einen Ort der gemeinsamen Begegnung und des Austausches. Wo sie ihre Nachbarn treffen und Neues erfahren. Einen Ort, der sie inspiriert und der ihnen Möglichkeiten und Freiraum gibt, gemeinsame Ideen zu entwickeln und sich einzubringen.

Gibt es ein Projekt, das Sie bisher begleitet haben, das dem des Bildungshauses ähnelt? In wieweit unterschieden sich die Ergebnisse?

Das Bildungshaus ist für mich in Deutschland einzigartig, da es eine Einheit mit dem Ziel ist, den Bürgerinnen und Bürgern einen besonderen Ort der Begegnung, des Wissens und des Lernens zu öffnen, in denen die Grenzen zwischen den einzelnen Institutionen für den Bürger unsichtbar werden und sich der Besuch zu einem ganzheitlichen Erlebnis formt.

Welche konkreten Ergebnisse flossen schon in die Planung des Innenraumkonzeptes ein?

Die oben schon benannten Wünsche hat Aat Vos in dem einwöchigen Workshop für uns in einen Dritten Ort – ein „Wohnzimmer“ mit Lernplätzen, Sonnenplätzen, Café, Veranstaltungsräumen und viel mehr – verwandelt. Wir haben dabei sowohl versucht, unsere Erkenntnisse über eine gute Konzentrationsatmosphäre einzubinden, als auch Raum für Treffen und Austausch zu gestalten. Die verschiedenen Altersgruppen sollen ihre Lieblingsplätze bei uns finden und der Bezug zur Geschichte in Garstedt soll im Haus sichtbar sein.

Warum wird man nach dem bisherigen Stand auch in anderen Städten über das Bildungshaus sprechen?

Wenn es gelingt, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen und die formulierte Vision weiter umzusetzen, wird dies für viele andere Städte und Kommunen ein Beispiel für echte und gelebte Integration verschiedener Institutionen sein, bei der der Mehrwert für den Bürger in Bezug auf Service und Inhalte im Vordergrund steht und wo aus 1 + 1 + 1 = 4 geworden ist.

Seit 2003 gibt Julia Bergmann, die Bibliotheks- und Informationsmanagement in Hamburg studiert hat, Fortbildungskurse zu den Themen Informations- und Wissensvermittlung, Recherchekompetenz, Arbeitsorganisation und -techniken und dem Einfluss webbasierter und mobiler Technologien auf die Bildungs- und Kulturarbeit. Mehr Informationen über Julia Bergmann finden Sie unter www.julia-bergmann.de.

Interview: Carmen Zühlke