Interview: Creative Guide Aat Vos

Eine mentale Adresse in Norderstedt: Warum das Bildungshaus in Garstedt ein Dritter Ort für alle werden soll.

Der niederländische Architekt Aat Vos hat schon viele beeindruckende Büchereien und Bildungseinrichtungen in Europa gestaltet. Zusammen mit Mitarbeiter/-innen der Norderstedter Bücherei, der VHS und des Stadtarchivs arbeitet er an dem Konzept für das Interieur des neuen Bildungshauses. Ziel ist es, einen Dritten Ort für die Bürgerinnen und Bürger Garstedts zu erschaffen. Doch was ist das eigentlich?

Herr Vos, was genau macht einen Dritten Ort zu einem Dritten Ort?
Ein Dritter Ort ist ein Konzept des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg. Er beschreibt einen frei zugänglichen und sicheren Ort, den man alleine aufsuchen kann, an dem man verbleiben kann, so lange man will, zu dem man Leute mitbringen kann, an dem man tun kann, was man will und der das Verbleiben, den Aufenthalt unterstützt, beispielsweise mit einer Tasse Kaffee. Oldenburg nennt einen solchen Ort: den Dritten Ort.

Wie sahen Dritte Orte in der Vergangenheit aus und wie heute?
Dritte Orte der Vergangenheit waren beispielsweise ein romanisches Badehaus und ein Park in der Mitte der Stadt. Jetzt entwickeln Dritte Orte sich mehr und mehr zu Kaffeebars und Espressohäusern, deren Innenausstattungen stets größere und schönere Erfahrungen mit sich bringen. Es sind die Aufenthaltsorte des modernen Menschen.

Warum sollten Bibliotheken und Bildungseinrichtungen Dritte Orte für alle sein?
Kommerzielle Dritte Orte entstehen jetzt in unseren Städten, Dörfern und Kommunen und helfen so, die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raums zu erhöhen. Weil eine Tasse Kaffee bei Starbucks nicht gratis ist, sind das aber nur gute Nachrichten für Leute, die genug Geld haben. Die logische Konsequenz ist, dass unsere Kommunen schöner werden – aber nur für die, die es sich leisten können. Die Leute mit weniger Budget sind leider auf frei zugängliche Orte angewiesen – die durch Sparmaßnahmen oft zu irrelevanten Umgebungen werden. Um unsere Gesellschaft für jeden schön und frei zugänglich zu halten, sollten wir öffentliche „Programmierung“ (wie zum Beispiel Bibliotheken, Theater, Jugendclubs usw.) nutzen, um tolle Erfahrungen für jeden zu schaffen. Damit können wir eine inklusive Gesellschaft erreichen.

Wie muss ein Dritter Ort zukünftig beschaffen sein, damit er auch als solcher angenommen wird?
Wie Oldenburg gesagt hat: frei zugänglich, ganz in der Nähe, sicher, nicht diskriminierend, offen für jeden und immer geöffnet, es sollte eine gute Tasse Kaffee geben – und was, glaube ich, was sehr wichtig ist: Ein zukunftssicherer Dritter Ort soll eine mentale Adresse sein und eine richtig tolle Erfahrung bieten. Nicht nur im ästhetischen Bereich, sondern auch in Sachen Programmierung. Ein cooler Ort, an dem immer etwas Besonderes passiert.

In welcher von Ihnen gestalteten Einrichtung funktioniert das Konzept besonders gut?
Die Jugendbibliothek Deichman Biblo in Tøyen, Oslo, Norwegen, ist ein Dritter Ort für alle „avant la lettre“. Sie hat das Paradigma der Bibliothek völlig geändert und beweist mit einer tollen Innenausstattung und einer ausgezeichneten Programmierung nicht nur, dass Bibliotheken nicht langweilig sind, sondern auch, dass Kinder zwischen zehn und fünfzehn Jahren gerne Schlange stehen, um in eine tolle Bibliothek zu gehen.

Was trägt denn generell zu einer guten Atmosphäre des Lernens bei?
Eine informelle Umgebung mit guter Aufenthaltsqualität, in der man sich wohl, geschätzt und sicher fühlt, macht es einfach, sich mit diesem Ort zu identifizieren. Insbesondere kleine Räume – bequem und intim, aber immer überschaubar – helfen, die Konzentration und Lerneffektivität zu erhöhen.

Welche Chancen hat das zukünftige Bildungshaus in Garstedt, ein Dritter Ort für alle zu werden?
Das zukünftige Bildungshaus befindet sich neben einer Schule, in einem Park und hinter einem Einkaufszentrum. Das Haus hat das Potenzial, die Nutzer dieser drei unterschiedlichen Welten zusammenzubringen und zu verbinden. Nicht nur miteinander, sondern auch mit den Aktivitäten und den Nutzern des Bildungshauses selbst. Das ist eine Riesenchance für die Bevölkerung Garstedts.

Ist die Herausforderung, eine Institution für drei Einrichtungen (VHS, Bücherei, Stadtarchiv) zu kreieren, neu für Sie?
Jedes Projekt birgt natürlich seine eigene Herausforderung, aber eine Aufgabe mit drei unterschiedlichen Parteien ist nicht ganz neu für mich. Ich fühle mich oft wie ein Pizzabäcker: Bei meinen Aufgaben ist fast immer eine Bibliothek die Basis – wie Käse und Tomaten – und dazu kommen viele unterschiedliche Beläge wie zum Beispiel Theater, Schulen und Archive. Dadurch schmeckt das Gericht immer anders und wird genau aus diesem Grund eine besondere lokale Identität haben.

Worin liegt bei unserem Projekt in Norderstedt die Chance? Hat das Bildungshaus Potential, eine zukunftsweisende Institution zu werden, an der sich andere Kommunen orientieren?
Meiner Meinung nach hat dieses Projekt große Chancen. Das größte Potenzial haben die Mitarbeiter – weil sie sich ihrer Rolle schon jetzt sehr bewusst sind. Die Teams bereiten sich jetzt schon auf eine neue Realität vor und machen damit einen Riesenschritt. Das sehe ich auf diese Art und Weise nicht oft. Die zweite große Chance für dieses Projekt ist der Ort selbst. Wie vorher gesagt hat dieses Projekt das Potenzial, nicht nur die Garstedter Institutionen miteinander zu verbinden, sondern auch den Norderstedter Einwohner/-innen einen neutralen und inspirierenden Ort zum Begegnen zu bieten.

Wo liegen nach Ihrer Einschätzung die Chancen und Risiken bei dem Standort in Garstedt?
Die größten Chancen sind immer auch die größten Risiken. Ich glaube, in Garstedt liegen sie im Standort dieses Projekts in Beziehung zu der Position des Einkaufszentrums. Sollte die Rückseite des Einkaufszentrums in der Zukunft unverändert bleiben, wird es schwierig werden, dieses Gebiet zu vitalisieren. Aber wenn das Einkaufszentrum sich öffnet, kann dieses Projekt sehr erfolgreich werden.

Interview: Carmen Zühlke
Mehr über Aat Vos: www.aatvos.com