Interview: Prof. Dr. Richard Stang

„Das Bildungshaus wird ein atmendes Gebäude sein!“

Prof. Dr. Richard Stang ist Leiter des Learning Research Center der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM). Seit vielen Jahren berät er Bibliotheken sowie Weiter- und Erwachsenenbildungseinrichtungen bei der Entwicklung neuer Lernarchitekturen. Auch an der Vision des Bildungshauses war er von Anfang an beteiligt.

Herr Stang, Sie begleiten die Entwicklung des Bildungshauses in Norderstedt schon seit 2014. In verschiedenen Workshops mit Mitarbeiter*innen und der Beteiligung von Bürger*innen haben Sie damals die Vision des Bauprojektes erarbeitet. Ist sie heute aus Ihrer Sicht noch aktuell?
Ich bin der Überzeugung, dass Konzept noch relevanter ist als damals. Wir beobachten, dass Orte der Bildung und des sozialen Austausches an Bedeutung gewinnen. Auch wenn die Digitalisierung unser Leben immer stärker bestimmt, fällt doch auf, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich mit anderen an physischen Orten auszutauschen. Die Menschen als soziale Wesen sind auf der Suche nach Vergemeinschaftung. Früher waren das Orte wie Bürgerzentren, Kneipen, Cafés usw., heute sind es Orte wie Bibliotheken, Volkshochschulen usw. Die Angebote dieser Institutionen zu bündeln schafft dann einen „Dritten Ort“, der einen niedrigschwelligen Zugang zu Bildung, Information und Austausch ermöglicht.

Wie haben sich die Bedürfnisse an das Lernen in den letzten Jahren verändert?
Die Art, wie Menschen lernen, ist eigentlich immer gleichgeblieben. Wir haben heute nur – unter anderem mit den digitalen Medien – mehr und andere Möglichkeiten. Doch der Zulauf zu Bibliotheken oder Volkshochschulen sowie die Entwicklung von Makerspaces oder Repair Cafés zeigen, dass physische Orte, die ich mit meinen (Lern-)Bedürfnissen real aufsuchen kann, an Bedeutung zunehmen. Gemeinsam mit anderen zu lernen bzw. etwas zu tun, sind Grundbedürfnisse von Menschen und die bedürfen niedrigschwelliger Zugänge. Vor diesem Hintergrund ist das Bildungshaus in Norderstedt sicher mit seinem integrativen Raumkonzept ein Vorreiter.

Was ist die prägnanteste Entwicklung der letzten 20 Jahre im Bildungsbereich?
Vor zwanzig Jahren waren viele der Überzeugung, dass der Zugang zu Bildung, Information und Kommunikation in Zukunft vor allem über digitale Medien realisiert werden wird. Ich hatte damals schon darauf hingewiesen, dass gerade für Lernen und Kommunikation physisch erlebbare Orte wichtig bleiben werden. Heute habe ich den Eindruck, dass diese immer wichtiger werden. Dies zeigt sich auch daran, dass viele Kommunen dazu übergehen, integrative Bildungs- und Kulturzentren zu bauen oder Bibliotheken und Volkshochschulen auszubauen. Einige Bundesländer haben auch damit begonnen, die Etablierung „Dritter Orte“, in denen bürgerschaftliches Leben wieder seinen Platz findet, zu fördern. Dem „analogen“ Menschen wird wieder mehr Raum gegeben. Das ist sicher eine der prägnantesten und positivsten Entwicklungen.

In Ihrem Forschungsprojekt „Lernwelten“ der HdM untersuchen Sie, wie Lernwelten an Hochschulen künftig medial, digital aber auch physisch gestaltet sein sollten. Lassen sich die Ergebnisse der Forschung auch 1:1 auf das Bildungshaus übertragen?
Es gibt verschiedene Aspekte, die sich sehr gut übertragen lassen. Zum einen sehen wir, dass mobile Displays inzwischen in Seminarräumen sehr gut Beamer ersetzen können, was den Installationsaufwand von Räumen deutlich reduziert. Zum anderen haben wir festgestellt, dass es nicht den idealen Tisch oder den idealen Stuhl für alle gibt. Die Bedürfnisse sind hier sehr individuell. Für das Bildungshaus bedeutet das, dass man Räume unterschiedliche einrichten sollte, gegebenenfalls auch mit unterschiedlichen Sitzmöglichkeiten in einzelnen Räumen. Sitzelemente wie Sofas verändern die Atmosphäre im Raum. Hierauf sollte geachtet werden, wenn die Räume geplant werden. Was hier vielleicht etwas chaotisch klingt, schafft eine kreative Atmosphäre. Die Kunst ist sicher, hier die Balance zu finden. Doch hier arbeiten wir gemeinsam an entsprechenden Konzepten.

In wieweit lernen fertig ausgebildete Erwachsene anders als Schüler*innen und Studierende? Und wie kriegt man sie alle ins Bildungshaus?
Erwachsene wissen sicher besser, für was sie lernen. Schüler*innen und Studierende können das oft nicht einschätzen, was für sie in Zukunft wichtig sein wird. Das bedeutet, dass die Motivation bei Erwachsenen normalerweise ausgeprägter ist. Auf der anderen Seite sind kleine Kinder extrem neugierig und wollen alles wissen. Lange wurde das in der Schule eher abtrainiert. Deshalb ist es wichtige, bei Erwachsenen diese Neugier wieder zu wecken. Neugier und Motivation sind die besten Voraussetzungen für das Lernen. Und die räumliche Umgebung kann dies unterstützen. Deshalb ist es so wichtig, Lernwelten intensiv konzeptionell zu planen. In Schulen gibt es hier derzeit sehr innovative Entwicklungen. Mit dem Bildungshaus kann eine solche Lernwelt für alle Generationen zu Verfügung gestellt werden, die niedrige Schwellen hat. Besucher*innen, die vielleicht nur einmal reinschnuppern, werden dann gegebenenfalls animiert, die Lernangebote des Bildungshauses zu nutzen.

Mit welchen architektonischen Mitteln kann man den Menschen denn die Schwellenangst in Sachen Bildung nehmen?
Wichtig ist sicher ein offener Eingangsbereich, idealerweise als Marktplatz gestaltet, auf dem ich vielfältige Anregungen bekomme, ohne mich in irgendeiner Form verhalten zu müssen. Die Besucher*innen müssen Lust bekommen, das ganze Haus zu erkunden. Dazu bedarf es eines schlüssigen Narrativs des Gebäudes. Das bedeutet, am Eingang nicht darauf zu verweisen, was man in dem Gebäude alles nicht machen darf – das geschieht leider in vielen Bildungs- und Kulturinstitutionen –, sondern darauf, was ich alles machen kann. Außerdem sind Blickachsen wichtig, so dass ich Räume schnell erfassen kann. Hier kann Architektur integrieren, aber auch ausschließen. Wenn der Mensch und nicht die Funktion im Mittelpunkt steht, werden sich die Besucher*innen wohl fühlen.

Digitaler Wandel und physische Lernraumgestaltung: Wie passt das zusammen?
Digitale Medien sind zunächst nur Medien, die uns dabei unterstützen, unser „analoges“ Leben zu bewältigen. Wir können mit unserem Körper den physischen Raum nicht verlassen, egal welches Medium wir nutzen. Deshalb ist gerade im Kontext der zunehmenden Digitalisierung die Gestaltung der physischen Umgebung so wichtig. Wir können auch im Kontext aktueller Trends, wie die Etablierung von Makerspaces, Repair-Café usw., feststellen, dass „analoge“ und haptische Erlebnisse für Menschen wichtiger werden. Phänomene wie „Waldbaden“ zeigen das Bedürfnis nach physischem Erleben. Die Frage der physischen Verortung beim Lernen ist zentral. Wir können davon ausgehen, dass in einer angenehmen, anregungsreichen Umgebung besser gelernt werden kann. Wenn dann die Räume so gestaltet sind, dass ich unterschiedliche didaktische Konzepte umsetzen kann, also den Raum „atmen“ lassen kann, dann wird der Lernraum auch zum Erlebnis- und Kommunikationsraum. Digitale Medien können diese Erlebnisse kaum abbilden. Dies sieht man auch an Jugendlichen, für die das reale Treffen mit Freunden*innen noch immer Priorität hat. Es wird also um eine sinnvolle Verknüpfung von digitalen Medien und physischen Lernräumen gehen. Dabei muss die Gestaltung des digitalen Raums für das Lernen konzeptionell genauso intensiv geplant werden, wie die der physischen Lernräume.

Was muss das Bildungshaus in Norderstedt den Bürger*innen noch bieten, damit es ein Erfolg wird?
Das Bildungshaus sollte eine „Dritter Ort“ werden, ein kommunales „Wohnzimmer“, in dem sich Menschen begegnen können, die heute kaum noch Orte haben, an denen sie zufällig zusammen und idealerweise ins Gespräch kommen. Unsere Gesellschaft braucht Orte der Kommunikation, der Inspiration, der Orientierung und der Information dringender denn je. Deshalb erstaunt es auch nicht, dass bundesweit die Aktivitäten verstärkt werden, solche Orte zu schaffen. Das Konzept des Bildungshauses ist mit seiner Breite von Informations-, Lern-, Kommunikations- und Vergemeinschaftungsangeboten derzeit sicher eines der innovativsten. Wichtig wird auch, sich klar darüber zu werden, dass das Bildungshaus bei seiner Eröffnung nicht „fertig“, sondern durch seine flexible Struktur ein „atmendes“ Gebäude sein wird, das sich verändernden Anforderungen anpassen kann. Die Bürger*innen werden es zu schätzen wissen, einen Ort zu haben, an dem Kopf, Herz und Hand gleichermaßen zu ihrem Recht kommen

Mehr über Prof. Dr. Richard Stang https://learning-research.center/

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